Warum wir bei Drehtagen lieber ehrlich als optimistisch rechnen

Es gibt eine Frage, die in fast jedem Erstgespräch früher oder später fällt: Und wie lange drehen Sie dafür? Meistens kommt sie mit einem erwartungsvollen Blick – und der leisen Hoffnung, dass wir „einen Tag“ sagen. Wir verstehen das gut. Drehtage sind der sichtbarste Kostenblock einer Produktion, und ein Tag weniger klingt erst mal nach einem guten Deal.

Nur ist die Zahl der Drehtage bei uns keine Verhandlungsposition, sondern ein Rechenergebnis. Und wie wir zu dieser Zahl kommen, erklären wir hier gern einmal offen – auch weil wir merken, dass es viele Missverständnisse ausräumt, bevor sie entstehen.

Wir rechnen nicht in Tagen, sondern in Setups

Der häufigste Denkfehler: Man zählt die Drehorte. Drei Locations, also drei Tage. Klingt logisch, funktioniert aber nicht. Was tatsächlich Zeit frisst, sind Setups – also jede Kombination aus Kameraposition, Licht und Ton, die neu aufgebaut werden muss. Ein einziger Konferenzraum kann sechs Setups bedeuten, wenn wir eine Besprechung aus verschiedenen Perspektiven, ein Interview und ein paar Detailaufnahmen brauchen. Eine ganze Produktionshalle kann dagegen mit zwei Setups erledigt sein, wenn wir wissen, was wir wollen.

Deshalb ist der erste Schritt unserer Kalkulation immer derselbe: Wir gehen das Storyboard oder Treatment durch und zählen nicht Orte, sondern Aufbauten. Danach schätzen wir für jedes Setup einen Zeitwert – Licht setzen, einleuchten, Ton einpegeln, Probe, Takes. Ein einfaches Detail-Setup: 20 Minuten. Ein Interview mit drei Kameras und gestaltetem Licht: schnell 90 Minuten, bevor der erste Satz gesagt ist.

Und dann kommt der Faktor Mensch

Auf diese Summe legen wir einen zweiten Wert: Wer steht vor der Kamera? Ein Profisprecher liefert einen Text in drei Takes. Eine Mitarbeiterin, die zum ersten Mal in eine Linse spricht, braucht vielleicht acht – und vorher zehn Minuten, um sich zu entspannen. Das ist völlig normal und überhaupt kein Problem, solange wir es einkalkuliert haben. Wird es nicht einkalkuliert, entsteht genau der Druck, den man dem fertigen Film am Ende ansieht.

Gerade beim Imagefilm ist das der Punkt, an dem Zeitpläne kippen. Die Menschen im Unternehmen sind das Herzstück des Films – und sie sind keine Schauspieler. Wer hier spart, spart an der Authentizität.

Was wir dazwischen einplanen, sieht man in keinem Angebot

Zwischen zwei Setups liegt selten nichts. Es liegt: Umbau, Kabel neu verlegen, ein Raum, der doch nicht abgedunkelt werden kann, ein Hausmeister, der erst gefunden werden muss, eine Klimaanlage, die im Ton brummt. Dazu Wegzeiten – innerhalb eines Gebäudes gern unterschätzt, quer durch München erst recht.

Wir haben uns angewöhnt, diese Puffer nicht als anonyme Reserve zu verstecken, sondern offen im Ablaufplan auszuweisen. Das führt manchmal zu Rückfragen. Aber es führt eben auch dazu, dass wir am Drehtag nicht anfangen, Inhalte zu streichen, um den Plan zu retten.

„Ein Puffer, den man nicht braucht, ist kein verlorener Puffer. Er ist der Grund, warum wir die letzte Einstellung noch mal machen konnten – und das ist meistens die, die es in den Film schafft.“

Dieser Satz aus einer unserer Nachbesprechungen hängt sinngemäß über jedem Ablaufplan, den wir schreiben.

Ein Beispiel aus der Praxis

Ein Projekt mit drei Standorten, jeweils Interview plus Arbeitssituation. Auf dem Papier: ein Tag pro Standort, fertig. In unserer Setup-Rechnung: pro Standort rund fünf Stunden reine Aufbau- und Drehzeit, plus Anfahrt, plus Begrüßung, plus die Kollegin, die erst um elf aus dem Meeting kommt. Ergebnis: zwei Standorte an Tag eins funktionierten nur, weil sie zehn Autominuten auseinanderlagen – der dritte bekam einen eigenen halben Tag.

Wir sind also bei 1,5 Drehtagen gelandet statt bei drei. Das ist der andere Teil der Wahrheit: Ehrlich rechnen heißt nicht automatisch, mehr zu rechnen. Es heißt, die Zeit dort zu haben, wo sie gebraucht wird. Bei einem Werbefilm mit inszenierten Szenen sieht die Rechnung wieder völlig anders aus als bei dokumentarischen Aufnahmen im laufenden Betrieb.

Warum wir das so transparent machen

Weil eine Drehtagszahl ohne Begründung eine Behauptung ist. Mit Begründung wird sie zu etwas, worüber man vernünftig sprechen kann. Wenn Sie sagen: „Das Interview mit dem Geschäftsführer ist uns wichtiger als die Drohnenaufnahmen“ – gut, dann verschieben wir die Zeit. Diese Gespräche sind uns lieber als eine hübsche Zahl, die am Drehtag nicht hält.

Und ja, wir liegen auch mal daneben. Dann sitzen wir hinterher zusammen und schauen, an welcher Stelle unsere Schätzung zu optimistisch war. Diese Notizen fließen zurück in unseren Workflow – die Kalkulation von heute ist im Wesentlichen die Summe der Drehtage, bei denen wir uns früher verschätzt haben.

Falls Sie also das nächste Mal ein Angebot bekommen, in dem eine Drehtagszahl steht: Fragen Sie ruhig, wie sie zustande kommt. Die Antwort verrät oft mehr über eine Produktion als das Showreel.